25.05.2022, von Séverine Blumenthal

Screentime – kein primär negatives Phänomen

Na, wieder (zu) lange durch Social Media gescrollt, ein Video nach dem anderen zum neusten TikTok-Trend geschaut und auf die Reisefotos einer Bekannten auf Instagram reagiert, selber aber zuhause gesessen? Was im ersten Moment negativ wirken kann, muss gar nicht so sein – lies weiter und ich erkläre dir, weshalb! Ich möchte dir heute Einsicht in das Forschungsfeld des «digital Well-Being», also des digitalen Wohlbefindens, geben. Dieser Forschungsstrang befasst sich damit, wie gewisse digitale Nutzungsmuster, das Leben in einer digitalen Gesellschaft, Online Content, Soziale Medien oder die Screentime sich auf das Zufriedenheitsbefinden der Menschen auswirkt.

Das Mindset macht’s aus

Widmen wir uns einmal Social Media und dem Beispiel der TikTok-Videos oder dem Schreiben mit deinen Freunden über Whatsapp. Wahrscheinlich kennst auch du das Vorurteil, dass eine stark aktive Social Media Nutzung schlecht für dein Wohlbefinden ist, à la «Geh doch mal raus und unternimm etwas». Aber Achtung – eine regelmässige und zeitintensive Nutzung deines Smartphones oder Computer lässt dich nicht automatisch auf eine gewisse Art und Weise fühlen. Eine hohe Screentime führt also nicht in jedem Fall zu Unzufriedenheit. Was zu (Un-)Zufriedenheit führt, ist deine Bewertung dieser Nutzung. Findest du also selber, dass du ZU lange TikTok-Videos geschaut hast, führt das zu Unzufriedenheit. Empfindest du dies aber nicht negativ, bist dem Ganzen gegenüber neutral oder gar positiv eingestellt, kann sich dies sogar positiv auf deine Zufriedenheit auswirken. Dein Mindset und deine Einstellung gegenüber Social Media und deren Nutzung ist also ein zentral wichtiger Faktor. Je positiver du eingestellt bist, desto eher kannst du die guten Seiten sozialer Medien wertschätzen.

Da gibt’s aber noch einen zweiten Faktor: dein Gefühl der Kontrolle. Hast du das Gefühl, deine Social Media Nutzung unter Kontrolle zu haben oder fühlst du dich eher davon kontrolliert? Je kontrollierter und bewusster du Social Media nutzt, desto weniger passiv scrollst du einfach mal drauf los, was sich positiv auf dein digitales Well-Being ausübt. Ein zentraler Unterschied, oder? (Lee, Katz & Hancock, 2021)

Kein Ersatz fürs “Real Life”

Selbstverständlich möchte ich eine hohe Screentime, abhängigkeitsähnliches Verhalten oder Ähnliches damit keinesfalls legitimieren oder verharmlosen. Den Machu Picchu zu erkunden, ist bestimmt aufregender, als sich Fotos davon auf Social Media anzuschauen. Einen Kaffee mit der besten Freundin zu trinken, stelle ich mir auch schöner vor, als den Snapchat-Score mit nichts aussagenden Snap-Fotos der weissen Wand im Zimmer am Leben zu erhalten. Meine Absicht mit diesem Artikel ist es, eine differenzierte Sichtweise auf den Einfluss des digitalen Fortschritts und der Nutzung neuer Technologien zu ermöglichen.

Gerne kannst du also beim nächsten Familienessen, einem Austausch über Social Media oder Ähnlichem die geschilderten Aussagen und Forschungsbefunde zur Argumentation nutzen. 😉

Übrigens: auch unsere Eltern mussten in ihrer Jugend mit den negativen Einstellungen zu technologischem Fortschritt wie dem Fernseher und Co. kämpfen – genauso, wie wir das teilweise mit unseren Smartphones, Social Media oder Screentime tun. Mit aufkommenden Technologien gab’s im Verlauf der menschlichen Geschichte immer wieder moralische Panik-Zustände. Eine gewisse Skepsis gegenüber neuen Technologien können wir den älteren Generationen also nicht übelnehmen.

 

 

Quellen:

Lee, A. Y., Katz, R., & Hancock, J. (2021). The Role of Subjective Construals on Reporting and Reasoning about Social Media Use. Social Media + Society, 7(3), 20563051211035350. https://doi.org/10.1177/20563051211035350